Stararchitekten bauen Asylzentren
München – OMA in Rotterdam ist eines der bekanntesten Architekturbüros der Welt. 1975 von Stararchitekt Rem Koolhaas mitgegründet, steht es für radikal zeitgenössische Architektur, für avantgardistische Werke wie die gewundene Sendezentrale des chinesischen Fernsehens in Peking oder den gigantischen dreitürmigen Wolkenkratzer De Rotterdam an der Maas. Auch den spektakulären neuen Hauptsitz des Springer-Verlags in Berlin hat OMA entworfen. Nun wagt sich das Office for Metropolitan Architecture an ein völlig anderes Unterfangen: den Bau von Unterkünften für Asylbewerber in den Niederlanden.
In Oisterwijk, einer Kleinstadt bei Tilburg nahe der belgischen Grenze, baut OMA ein bestehendes Asylzentrum für etwa 450 Bewohner um. In den kommenden Jahren sollen noch weitere Zentren im Land nach den Plänen des Büros renoviert werden. Alle komplett in Holz, nachhaltig, aber nicht zu teuer, mit einem flexiblen modularen Fertigbausystem, das zuerst für Schulen in Amsterdam entwickelt wurde. OMA hatte eine Ausschreibung der niederländischen Asylbehörde COA gewonnen.
Projektleiter David Gianotten versteht das ausdrücklich als politische Geste in der polarisierten Migrationsdebatte in seinem Land. Xenophobe rechtspopulistische Parteien haben immer mehr Zulauf, die Mitte 2025 zerbrochene Koalition hatte „die härteste Asylpolitik aller Zeiten“ versprochen. Ein großer Teil ihrer Pläne ist umgesetzt, Widerspruchsmöglichkeiten für Asylbewerber fallen weg, die Zusammenführung von Familien wird erschwert. Was aber nicht gelang: das 2024 erlassene Gesetz aufzuheben, das für eine faire Verteilung der Migranten auf die niederländischen Gemeinden sorgen soll.
Immer öfter würden Asylbewerber als „Glückssucher“ abqualifiziert, sagt Gianotten, „die uns unsere Jobs wegnehmen“. In Wahrheit handele es sich meist um Menschen, „die in ihrer Heimat Schreckliches erlebt haben“, traumatisiert seien und entsprechend betreut werden müssten. „Da können wir eine Lösung anbieten, dachten wir, und Orte schaffen, wo sich diese Menschen in einer guten, freundlichen Umgebung erholen und Teil einer neuen Gesellschaft werden können.“
Das Asylzentrum liegt in einem Waldgebiet, etwas abseits von Oisterwijk. Es wird nun bei laufendem Betrieb umgebaut und erhält neue Wohnbereiche, eine Schule, Sporthalle, ein Mehrzweckgebäude sowie Büros und Magazine, während der alte Bestand abgerissen wird. Alle Einrichtungen und Plätze sollen auch den Stadtbewohnern zur Verfügung stehen, etwa zum gemeinsamen Kochen. Ziel ist, die Integration zu befördern. Bisher waren die Migranten unter sich, umgeben von einem Zaun, der ebenfalls weg soll.
Das entspricht teilweise Vorgaben der Asylbehörde, zum größeren Teil aber geht es auf Anregungen der Einwohner von Oisterwijk selbst zurück, die sie in Workshops und Diskussionsrunden eingebracht hatten. Sie bestanden auf Interaktion mit den Insassen des Zentrums und wollten selbst profitieren von den neuen Bauten. „Das war ein interessanter Prozess“, sagt Gianotten, „danach haben wir das Projekt neu entwickelt und alles komplett geöffnet.“
1990, bei der Eröffnung des Asylzentrums, lief es noch anders: Damals wurde der Bürgermeister von Oisterwijk kurzfristig von der Regierung nach Den Haag gerufen, wo man ihm eröffnete, dass seine Stadt als Standort ausgesucht worden sei. Als er nach Hause kam, hatten die Bauarbeiten schon begonnen.
Dank der Einbeziehung der Bevölkerung gab es diesmal in Oisterwijk, anders als bei vielen anderen geplanten Asylzentren, am Ende keine grundsätzlichen und schon gar keine gewalttätigen Proteste. Manche Kritiker wurden in Gesprächen überzeugt – etwa mit dem Hinweis, dass nach Oisterwijk vor allem Migranten kommen, die ein Bleiberecht haben oder Aussicht darauf. So können sie sich in der Region eine Arbeitsstelle suchen oder einem lokalen Sportverein beitreten, ohne mit einer baldigen Abschiebung rechnen zu müssen. Nach durchschnittlich etwa zwei Jahren in dem Zentrum wechseln sie in eine Unterkunft in der Gegend.
Was den Oisterwijkern auch gefällt: Wenn Betten mal leer stehen in dem Zentrum, sollen dort auch andere Personen untergebracht werden, etwa Arbeitsmigranten oder Menschen, die dringend eine Wohnung suchen.
Architektur, sagt Gianotten, habe von Natur aus eine politische Komponente, man stehe ständig in Kontakt mit der Politik und den Menschen, die einverstanden sein müssen mit den öffentlichen Gebäuden. Doch hätten Architekten einen anderen Zeithorizont, einen viel langfristigeren Blick auf die Gesellschaft. In Oisterwijk funktioniert das Zusammenspiel. Das Zentrum hat eine Bestandsgarantie bis 2047, das haben Gemeinde und Asylbehörde 2022 vereinbart. Erst auf dieser Grundlage könne man „ernsthaft in die Qualität investieren“, sagte der damalige Asyl-Staatssekretär Eric van der Burg.Thomas Kirchner