Sozialhilfe: Grenzen und Engagement
Im Januar geht die Sonne gegen fünf Uhr nachmittags unter, Chantal zündet eine Kerze an. Licht anmachen geht nicht: Seit Anfang November lebt die 51-Jährige zusammen mit ihrem Partner Francis ohne Strom. In ihrer Sozialwohnung häufen sich die unbezahlten Rechnungen, die Schulden steigen. Kurzerhand stellte der städtische Stromanbieter Leo dem Paar deshalb den Strom ab. Seitdem sitzen sie im Dunkeln, können nicht mehr kochen und nicht warm duschen.
Dann kam der zweite Schicksalsschlag: Ein Schreiben, das Chantal und Francis dazu aufforderte, die Wohnung in Luxemburg-Stadt zu verlassen. Da in Luxemburg im Gegensatz zu anderen Ländern wie Frankreich keine Winterpause gilt, können Besitzer*innen Mieter*innen auch bei Minus-Temperaturen auf die Straße setzen. Ein alternative Wohnung bietet die Gemeinde ihnen nicht an. „Es handelt sich um eine Notsituation“, so Guy Foetz von „Solidaritéit mat den Heescherten“ gegenüber der woxx. Ebenfalls in der NGO engagiert ist Marie-Marthe Muller. Seit Dezember begleitet sie das Paar und versucht, öffentlichen Druck auf die Gemeinde zu machen (woxx 1868, „Systemische Prekarität: Ein Dach über dem Kopf – und dann?“). Mit einem ersten, kleinen Erfolg: War das Datum für den Rauswurf ursprünglich für Ende Januar angegeben, hat die Gemeinde vergangene Woche die Frist verlängert. „Sie müssen nicht jetzt sofort im Winter raus“, begründete die hauptstädtische Schöffin Corinne Cahen (DP) die Entscheidung am 26. Januar in einer Sitzung des Gemeinderats. Wann Chantal und Francis nun die Wohnung verlassen müssen, steht jedoch noch aus. Die Fragen der woxx ließ die Gemeinde vor Redaktionsschluss unbeantwortet.
„Ich meine sagen zu können, dass wir als Gemeinde unsere soziale Verantwortung immer übernehmen“, so Cahen. In der Gemeindesitzung erwähnt die Schöffin einen verpassten Termin beim Sozialamt, Streitigkeiten mit den Nachbar*innen sowie den „schlimmen Zustand“ der Wohnung, die nicht in Ordnung gehalten werde – „Löcher in den Wänden, kaputte Türen“ –, um den Beschluss einer Zwangsräumung zu rechtfertigen. Für Chantal, die seit mehreren Jahren arbeitsunfähig ist, wäre dies ihr zweiter Rauswurf. Von 2004 bis 2024 lebte sie in einer anderen Sozialwohnung im Grund. Weil die Stadt das Gebäude renovieren wollte, mussten damals alle Mieter*innen raus und Chantal kam in einer zweiten Wohnung unter. Die woxx traf das Paar am vergangenen Freitag zusammen mit Foetz und Muller. Chantal trägt schwere Ringe an ihren Fingern, Plüschtiere an ihrem Gehstock: „Zu meinem Schutz“. Einer ihrer Söhne habe ihr schon mit Gewalt gedroht.
„Das Problem ist jedoch, wenn sich Leute nicht helfen lassen wollen“, so DP-Schöffin Cahen. Man könnte meinen, gerade das Engagement der LSAP-Rätin Muller zeuge hier vom Gegenteil.
„Die Situation scheint eher auf strukturelle Grenzen als auf eine Fehlfunktion der Sozialdienste selbst zurückzuführen zu sein“, wies ihrerseits Marie-Marthe Muller in der Sitzung am darauffolgenden Montag hin. Die LSAP-Gemeinderätin betont: Das Paar kommt nicht länger allein zurecht. Chantal ist chronisch krank, leidet auch unter einem Hexenschuss. „Tagelang komme ich kaum aus dem Bett“, so sehr schmerze es beim Gehen. Unter diesen Umständen ist der Alltag schwer zu bewältigen. Ohne Strom wird es noch schwieriger, weil auch die Waschmaschine fehlt. „Ich habe fast keine sauberen Klamotten mehr“, sagt Chantal. Auch hier ist das Paar auf Hilfe anderer angewiesen. In der „Stëmm vun der Strooss“ könnten sie für einige Euro ihre Kleidung waschen und trocknen. Abends, wenn Chantal eine Kerze anzündet, kommt Francis vom Betteln zurück. „Das sage ich ganz offen, dafür muss ich mich nicht schämen“, so der 53-Jährige. Im vergangenen Herbst verlor der Landschaftsgärtner seine Arbeit in Grevenmacher. Bisher hat er keine neue gefunden, auch nicht mithilfe der Adem. Das Paar kriegt genug zusammen für ein kaltes Abendessen, meist aus Dosen, und ein paar Bier. „Seit dieser ganzen Sache trinke ich viel mehr“, so Francis.
Die Gemeinde aber scheint aufgegeben zu haben. Zwar bietet das Sozialamt einen Betreuungsdienst an, eine spezifische Bezugsperson haben Francis und Chantal jedoch nicht. Zudem siehe die Gemeinde vor der Vollstreckung eines Räumungsurteils eigentlich ein Treffen mit den Mieter*innen vor, so ein Bericht des Wohnungsamts. Ein solches Gespräch gab es mit Chantal und Francis keins, beteuert Muller. Im Gemeinderat zeigt sich DP-Schöffin Cahen wenig dialogbereit: „Es ist uns nichts zu teuer für Sozialarbeit. Das Problem ist jedoch, wenn sich Leute nicht helfen lassen wollen.“ Man könnte meinen, gerade das Engagement der LSAP-Rätin zeuge hier vom Gegenteil. Chantal und Francis nehmen ihre Unterstützung an, Muller hilft dem Paar, Ordnung in ihre Papiere zu bringen und die juristische Sprache der Behörden zu verstehen. Noch ist etwa Chantals Status als Person mit Behinderung nicht anerkannt worden.
Laut Solidaritéit mat den Heescherten sei das Problem nicht, dass Menschen Hilfe nicht annehmen wollen: „Man wird von einem Büro ins nächste geschickt, verliert leicht den Durchblick und psychologisch verschlimmert sich die Situation. Gerade dann muss eine Person an die Hand genommen werden“, sagt Guy Foetz. Dafür sei die Gemeinde aber nicht verantwortlich, so Cahen: „Wir sind bei der Stadt Luxemburg nicht das Gesundheitsministerium und auch keine Psychiatrie.“ Mit hohen Reserven und Überschüssen zum Jahresende von 2025 könne die Stadt jedoch viel mehr tun, fordert Solidaritéit mat den Heescherten. Das Paar brauche dringend eine persönliche Betreuung.
2024 kam es zu zwei Zwangsräumungen aus Sozialwohnungen in der Stadt-Luxemburg, das Jahr davor zu einer. Wie viele es 2025 waren, beantwortete die Gemeinde auf Nachfrage der woxx vor Redaktionsschluss nicht. (Grafik: María Elorza Saralegui/woxx)
Zudem kritisiert die NGO, dass dem Paar der Strom nicht wieder eingeschaltet werden soll. Dafür ist die Privatfirma „Leo“, eine Tochtergesellschaft von „Enovos“, zuständig. Doch hier sei die Stadt einer der Hauptaktionäre, so Solidaritéit mat den Heescherten in einem Presseschreiben vom 26. Januar: 15,61 Prozent der Holdinggesellschaft von Enovos, „Encevo“, gehörten der Stadt und 28 Prozent dem luxemburgischen Staat. Diese müssten „ihre Verantwortung wahrnehmen und sich zu Beginn des 21. Jahrhunderts für das Menschenrecht auf Zugang zu Elektrizität einsetzen, unabhängig von den Umständen“, so die NGO. Laut dem Comité européen des droits sociaux ist „ein stabiler, sicherer und zuverlässiger Zugang zu einer ausreichenden Energieversorgung eine wesentliche und unverzichtbare Voraussetzung“ für Menschenrechte.
Chantal und Francis werden weiterhin ehrenamtlich von Solidaritéit mat den Heescherten unterstützt. Die Schöffin Cahen gebe Muller genügend Zeit, damit das Paar eine neue Wohnung finde, so Muller im Gespräch mit der woxx nach dem Gemeinderat. Francis hofft währenddessen, schnell eine neue Arbeit zu finden. Ein Bekannter habe ihnen dann eine Wohnung versprochen. Für die nächsten Wochen darf das Paar noch in der Sozialwohnung unterkommen. Auf mehr Hilfe als den Aufschub können Chantal und Francis vonseiten der Stadt wohl nicht hoffen.
