Warum Abschottung das Geschäft der Schleuser erst richtig ankurbelt
Gastbeitrag in der Frankfurter Rundschau von Hannes Einsporn,
publiziert in der Robert Bosch Stiftung newsletter 02/2026 Migration und Einwanderung

Härtere Maßnahmen gegen irreguläre Migration machen die Flucht teurer und gefährlicher. Doch die Schleusernetzwerke profitieren davon. Ein Gastbeitrag von Hannes Einsporn.
Die Migrationsdebatte in Deutschland und Europa wird von den Begriffen „Kontrolle“ und „Härte“ dominiert. Vom Treffen der Globalen Allianz gegen Schleuserkriminalität in Brüssel über den CDU-Parteitag bis zur Asylreform im Bundestag – die Botschaft ist stets dieselbe: Es braucht neue, härtere Maßnahmen gegen irreguläre Migration. Die Annahme: Wer nur hart genug abschreckt, beeinflusst das Verhalten von Migranten und Geflüchteten. Eine neue Studie der Denkfabrik Mixed Migration Centre, gefördert von der Robert Bosch Stiftung, zeichnet ein anderes Bild: Härtere Maßnahmen treiben das Geschäft der Schleuser an und machen Migration riskanter und teurer. Es braucht endlich eine Politik, die auch legale Migrationsmöglichkeiten konsequent stärkt und damit echte Kontrolle schafft.
Warum nutzen Migranten und Geflüchtete Schleuser? Die Antwort ist einfach: Sie sehen keine Chancen für reguläre Migration. 44 Prozent der Migranten halten irreguläre Migration für die einfachere Lösung, 39 Prozent sehen keine Alternative. Nur drei Prozent geben an, von Schleusern gedrängt worden zu sein. Ein Beispiel aus dem Senegal verdeutlicht dies: Bewerber warten bis zu zwei Jahre auf einen Visumstermin für Spanien. Ein Vermittler verkürzt die Wartezeit gegen 1.000 Euro. Schleuser hingegen verlangen nur rund 600 Euro für eine Bootsüberfahrt nach Europa. So erscheint irreguläre Migration nicht nur als einfachste, sondern auch als günstigste Option.
Die Statistiken der irregulären Migration nach Europa erzählen auf den ersten Blick eine Erfolgsgeschichte. Laut Frontex sank die Zahl der irregulären Grenzübertritte über das Mittelmeer von 239.000 im Jahr 2024 auf 178.000 im Jahr 2025 – ein Rückgang um 26 Prozent. Politische Entscheidungsträger schreiben dies gern ihrer Politik verstärkter Kontrollen und Abschreckung zu. Doch dieser vermeintliche Erfolg ist trügerisch. Ein Hauptgrund für den Rückgang ist nicht die Wirksamkeit europäischer Migrationspolitik, sondern der Fall des Assad-Regimes im Dezember 2024. Seit dem politischen Umbruch in Syrien gingen irreguläre Ankünfte stark zurück.
Hannes Einsporn ist Politologe und Teamleiter der Robert Bosch Stiftung für Migration und Einwanderung.
Ein Blick auf die Nachfrage nach Schleuserdiensten zeigt: Entgegen dem suggerierten Trend hat sie auf wichtigen Migrationsrouten zugenommen. 102 Schleuser, die 2024 und 2025 entlang der zentralen Mittelmeerroute befragt wurden, berichten von höherer Nachfrage und steigenden Einnahmen. Dies führen sie auch auf stärkere Grenzsicherung zurück. Fast die Hälfte der befragten Schleuser gibt an, Kontakt zu Grenzbeamten oder der Polizei gehabt zu haben, ohne dabei ernsthafte Konsequenzen befürchten zu müssen.
Dass Migrationskooperationen zwischen der EU und Staaten wie Tunesien oder Libyen das Schleusergeschäft nachhaltig beeinträchtigen, ist somit fraglich. In Nordafrika befragte Schleuser verlangen im Durchschnitt fast 1.000 US-Dollar für ihre Dienste. Wenn sie auf gefährlichere Routen ausweichen oder mehr staatliche Kontrolle erwarten, erhöhen sie ihre Preise. Das Schleusergeschäft ist – trotz aller Anstrengungen der letzten Jahre – robust und anpassungsfähig.
Die politischen Spitzen in Brüssel und Berlin dürfen nicht dem Fehler unterliegen zu glauben, dass nur die Politik der Härte mehr Kontrolle bringt. Stattdessen sollten sie die Zeit der rückläufigen irregulären Ankünfte nutzen, um legale Migrationsmöglichkeiten zu verbessern. Gerade diese bieten mehr Kontrolle darüber, wer wie migriert. Trotz unsicherer wirtschaftlicher Aussichten brauchen wir weiterhin dringend Arbeits- und Fachkräfte aus dem Ausland, insbesondere angesichts der demografischen Entwicklung. Die Aufnahme von Flüchtlingen ist nicht nur eine zivilisatorische Errungenschaft, sondern auch in unserem außenpolitischen Interesse, gerade in einer Welt, in der Demokratien und Menschenrechte unter Druck sind.
Die Stellschrauben dafür gibt es: effiziente und faire Visasysteme und Migrationsabkommen mit Ländern außerhalb Europas für mehr reguläre Migration und effektive Aufnahmeprogramme für Flüchtlinge. Wer Schleuser wirklich bekämpfen will, muss Menschen Alternativen bieten – sonst stärkt die Politik genau die Netzwerke, die sie zerschlagen will. Es gilt, diese Instrumente besser und entschiedener umzusetzen.