Ein verborgenes Auffanglager mitten in Kirchberg

Die ehemalige Rot-Kreuz-Helferin Anne Frausing erzählt in ihrem Debüt „Le Village des tentes“ von den Menschen dort, von Leid, Hoffnung und den Grenzen des Helfens.
Als Mitarbeiterin des Roten Kreuzes half Anne Frausing beim Aufbau eines Auffanglagers für Flüchtlinge mitten in Kirchberg. Was sie dort sah und erlebte, ließ sie nicht mehr los. Inzwischen hat sie diese Erfahrungen in einem Buch zwischen Reportage, Tagebuch und Poesie verarbeitet. Foto: Gerry Huberty, Michael Juchmes

Treffpunkt unseres Gesprächs ist der Luxemburger Buchstand auf der Frankfurter Buchmesse. Anne Frausing hat gerade ihr erstes Buch veröffentlicht: „Le Village des tentes“, erschienen im Verlag Capybarabooks, ein ganz besonderes Werk, das sich nur schwer in eine literarische Schublade einordnen lässt.

Dessen ist sich die Autorin durchaus bewusst. Ihr Debüt ist von einer stark lyrischen Sprache geprägt und zugleich zutiefst persönlich, fast wie ein Tagebuch. So schreibt Anne Frausing aus ihrer Seele heraus, um zu verarbeiten, was sie in zwölf Monaten erlebt hat: tief menschliches Leid anderer, aber auch Momente der eigenen Ohnmacht.

Hinter Fassaden

„Le Village des tentes“ erzählt von Menschen auf der Flucht und von einem Auffanglager in Kirchberg. Es liegt in unmittelbarer Nähe all dessen, was Luxemburg gerne auf seine Visitenkarte schreibt: Europa, Wohlstand und Institutionen. Für viele ist der Kirchberg tatsächlich nichts anderes als die Heimat europäischer Einrichtungen, Banken und Finanzdienstleistern sowie einiger kultureller Highlights wie das Mudam, die Philharmonie und die Nationalbibliothek.

Anne Frausing mit ihrem Debüt „Le Village des tentes“ am Luxemburger Buchstand der Frankfurter Buchmesse. In dem Buch gibt sie den Menschen aus der Zeltstadt auf dem Kirchberg eine Stimme. Foto: Michael Juchmes

Doch zwischen moderner Architektur und Bürotürmen mit spiegelnden Fassaden, die manches verbergen, befindet sich noch ein ganz anderes Versteck. Ein großes Zelt, wie man es von Veranstaltungen kennt. Darin sind Einzelzelte für bis zu 800 Menschen.

Zunächst war es ein Auffanglager für ukrainische Flüchtlinge, später auch für Asylsuchende aus Eritrea, Syrien, Venezuela, dem Iran und verschiedenen Ländern Subsahara-Afrikas. Kaum jemand kennt diesen Ort, über den nur wenig nach außen dringt, obwohl das Lager bereits seit fast drei Jahren dort steht. Auch das macht dieses Buch so spannend.

Dieses Buch hat mich gerufen.

Anne Frausing
Helferin, die zur Schriftstellerin wurde

„Als 2022 die Flüchtlingswelle aus der Ukraine zu uns kam, war ich beim Roten-Kreuz als administrative Unterstützung tätig und kümmerte mich auch um die interkulturelle Kommunikation“, erzählt die Autorin, die in Luxemburg aufgewachsen ist, in England studiert hat und in der französischen Sprache schreibt. „Als dann der Aufruf kam, innerhalb kürzester Zeit eine Auffangstruktur aufzubauen, habe ich mich gemeldet.“

Auf dem kahlen Asphalt des Kirchbergs ist es im Winter eisig kalt, im Sommer brütend heiß. Die Helferin erzählt von den Menschen, die dort leben. Zu Beginn kennt sie die alle persönlich. Später jedoch, als ihre Zahl wächst, verschwinden viele von ihnen hinter Nummern und Akten.

Das Buch besteht aus Miniaturen, und dazwischen eingestreut sind ab und zu kurze Gedichte. Eines davon erzählt, warum Anne Frausing dieses Buch geschrieben hat: „Mes souvenirs sont des grains de poivre / les écrire permet de les coincer, fissurer et briser en fragments / les arômes sont libérés et gagnent en force / certains se dispersent dans l’air / d’autres restent / riches en goût.“

Erinnerungen sind für sie wie Pfefferkörner: Erst indem sie sie aufschreibt und in Fragmente zerlegt, können sie ihr Aroma entfalten. Manche verflüchtigen sich, andere bleiben zurück und behalten ihre ganze Intensität.

Zwischen Mitgefühl und Ohnmacht

Die Frage liegt auf der Hand: Stellte sich angesichts ihrer eigenen Ohnmacht, diesen Menschen nur vorübergehend helfen zu können, nicht irgendwann auch Enttäuschung ein?

„Enttäuschung würde ich es nicht bezeichnen“, so Anne Frausing. „Es war vielmehr eine intensive Erfahrung, die ich erst einmal verarbeiten musste. Ich bereue sie keineswegs. Im Gegenteil: Ich bin froh, dabei gewesen zu sein, das alles miterlebt zu haben und meinen bescheidenen Beitrag zur Bewältigung dieser Krise geleistet zu haben.“

Dann fügt sie hinzu: „Wer im sozialen Bereich arbeitet, erreicht immer wieder den Punkt, an dem man plötzlich nicht mehr weiß, wo man selbst steht. Man verspürt eine gewisse Müdigkeit, gerät an die Schwelle zum Burnout oder aber errichtet sich eine Schutzmauer, an der alles abprallt. Als ich an mein eigenes Limit kam, habe ich das rechtzeitig bemerkt. Ich bin froh, dass ich weder in das eine noch in das andere Muster verfallen bin.“

84 Seiten gegen das Vergessen

War das Buch demnach eine Form der Therapie?

„Ja, definitiv“, sagt Anne Frausing. „Während meiner Arbeit habe ich erste Notizen gemacht. Geschrieben habe ich das Buch aber erst später, als ich genügend Distanz zu all dem gewonnen hatte. Irgendwann spürte ich, dass die Zeit dafür gekommen war. Dieses Buch hat mich gerufen, es hat nach mir verlangt. Es war in mir und musste heraus. Es war wie eine Geburt.“

Auf der Frankfurter Buchmesse verbrachte Anne Frausing einige Zeit am ukrainischen Stand. Das Land im Krieg hat längst eine eigene Kriegsliteratur hervorgebracht. Vieles stammt direkt von der Front: Texte von Soldaten, Gedichte von Krankenschwestern in Notaufnahmen, Kurzgeschichten aus einem Alltag, der vom Krieg geprägt ist.

In solchen Zeiten bekommt das Schreiben eine andere Bedeutung. Zeit wird knapp, sowohl zum Schreiben als auch zum Lesen. Ähnlich verhält es sich bei Anne Frausing, die ihre Beobachtungen in literarische Miniaturen gegossen hat. Nur 84 Seiten umfasst das Buch, eine kurze Erzählung, die dennoch lange nachwirkt.

„Warum bin ich hier?“

In der Psychologie gibt es Theorien, wonach Menschen helfende Berufe wählen, um Verletzungen aufzuarbeiten, die über Generationen hinweg in ihren Familien weitergegeben wurden. Genau diese Frage stellt sich auch die Autorin von „Le Village des tentes“: Warum bin ich hier?

Als sie einmal in ihrem Containerbüro der Zeltstadt flüsternde Stimmen von Kindern hörte, die sich viele Fragen stellten, musste sie sich auf ihre Arbeit konzentrieren. Sonst hätte das Flüstern zu einem laut Schrei werden können, die Erinnerungen an die eigene Kindheit wachgerufen hätten.

Anne Frausing „Le Village des tentes – Une poésie de l‘urgence“, Verlag Capybarabooks, 84 Seiten, 15 Euro. 

Die Asylsuchenden mussten ihren gesamten Besitz in Plastiksäcken verstauen, die mit Nummern versehen wurden, bevor sie zur Verwaltung gebracht wurden, wo über ihren Antrag entschieden wurde. War die Entscheidung gefallen, durften sie bei ihrer Rückkehr teilweise nicht einmal mehr in die Zeltstadt zurückkehren.

Anne Frausing schildert hierzu die Geschichte eines Georgiers, dessen Asylantrag abgelehnt worden war. Er fiel vor ihr auf die Knie und flehte sie an, bleiben zu dürfen. Ihr Beruf verlangte aber von ihr jedoch, die Vorschriften einzuhalten. Am selben Tag sah sie eine herrenlose Katze, die in die Zeltstadt eingedrungen war. Irgendjemand hatte ihr Futter hingestellt.

Zur Person und zum Buch

Anne Frausing, geboren 1989, wurde als Tochter einer luxemburgischen Mutter und eines dänischen Vaters in Luxemburg geboren. Nach dem Studium der African Studies in Birmingham und anschließend in Edinburgh begann sie, für den gemeinnützigen Verein Mir wëllen iech ons Heemecht weisen zu arbeiten, bevor sie 2019 als Mediatorin zum luxemburgischen Roten Kreuz wechselte.

Als der Krieg in der Ukraine ausbrach, mobilisiere das Rote Kreuz seine Teams, um auf die Notsituation zu reagieren. In diesem Zusammenhang arbeitete Anne Frausing von März 2022 bis März 2023 im Erstaufnahmezentrum in Kirchberg. „Le Village des tentes“ ist von dieser Erfahrung inspiriert.

Anne Frausing „Le Village des tentes – Une poésie de l‘urgence“ Verlag Capybarabooks, 84 Seiten, 15 Euro.

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